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Welchen Ausklang hat die Stille?

Welchen Ausklang hat die Stille?

17.05.2026

«Sie hat ein halbes Jahr nicht mehr mit mir geredet», erzählt Renate Lerch, im August Artist in Residence in der Muttergotteskapelle in Bremgarten. «Sie» bezieht sich dabei auf eine Dame, eine Sammlerin der Werke von Renates Vater. Renate und ihr Vater hatten seine letzte Ausstellung gemeinsam gestaltet. Ihr Vater mit seinen Ölbildern und Renate ebenfalls mit den Ölbildern ihres Vaters, allerdings hatte sie diese zuvor vernäht. «Ich habe mit Vollgas genäht, ohne Vorstellungen, aber mit einer Ahnung, was entstehen könnte.»

«Blasphemie!», hatte sie von der Dame zu hören bekommen.

Doch das Gegenteil ist der Fall: Für Renate sind alle Dinge, die sie für ihre Kunst verwendet, kostbar. Für sie gilt der Grundsatz, dass sie keinen Gegenstand und kein Material für ihre Kunst kauft: «Ich sammle oder lege auf die Seite, was mir zufällt.» All diese trügen Geschichten mit, die sich in ihren Werken und Installationen noch einmal anders erzählen dürften. Das hatte ihr Vater bei seinen vernähten Ölbildern auch so empfunden.

Nur im Dialog

Und nein, ihre Kunst ist nicht das perfekt gemalte Bild, das man kürzer oder länger anschaut, um dann weiterzugehen. Ihre Kunst solle Betrachtende aufhalten und sich im Dialog mit Räumen und Personen weiterentwickeln, so Renate

Sie hat ein Selbstverständnis von Kunst als etwas Veränderbarem. Aufgewachsen in einem Künstlerhaushalt mit klassischen Werken, war sie schon früh fasziniert vom im Zürcher Cabaret entstandenen Dadaismus. Diese Bewegung stellte ab dem Jahr 1916 althergebrachte Kunstvorstellungen infrage. Renate geht es wohl weniger um das Rebellische dieser Bewegung als um den Perspektivenwechsel der Betrachtenden, die beim Betrachten zu Kunstteilhabenden werden.

Das gemeinsame Entwickeln

Dieses Kunstverständnis hat sie auch als Dozentin für Art Education an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) immer gefördert: «Es ist mir immer ein Anliegen gewesen, mit den Studierenden eine Haltung und einen Selbstwert für sich als KunstvermittlerInnen zu entwickeln. Kunstvermittlung kann sich nicht so klar einer Disziplin verschreiben, sondern stellt das gemeinsame Entwickeln und Erleben von künstlerischen Prozessen ins Zentrum.»

Gleiches gilt für ihr Coaching von Kunstschaffenden: anfangen, anregen, anstossen, miteinander entwickeln. Vorübergehende Verunsicherung und Zweifel gehören dabei zu Veränderungsprozessen hinzu. Sie sei Teil von Fortschritten, meint Renate.

Demut und Fortschritt

Es gehört also auch eine gewisse Demut zum weiteren künstlerischen (und menschlichen) Prozess. Das ist keine Einbahnstrasse. Auch Renate verändert ihren Blickwinkel immer wieder durch die Zusammenarbeit mit ihren Ratsuchenden und KunstpartnerInnen.

In ihrer Kunst nimmt sie häufig Sachen aus dem (früheren) Alltag und gibt ihnen in einem anderen Kontext eine neue, kunstvolle Bedeutung. «Das hat etwas Hoffnungsvolles für mich, mir werden die Zutaten für meine Kunst nie ausgehen.» Ein interessanter Standpunkt für Boesner-Stammkunden …

Zum ArtWalk

In ihrem Monat in der Muttergotteskapelle wird Renate alten Tonbandkassetten zu einem neuen Auftritt verhelfen. Wer erinnert sich nicht an diese kostbaren Stücke, mit denen einen damals die Welt der Musik überallhin begleiten konnte? Selbst aufgenommene Bänder, die man als wertvolle Schätze einem wertvollen Menschen verschenkte? Heute sind sie vergessen, lagern, falls nicht schon lange entsorgt, irgendwo in einer Kiste. Renate sagt, allein mit dem Sammeln und Zusammentragen erhielten sie wieder eine Bedeutung.

Die Muttergotteskapelle hat für Renate eine spezielle Ruhe. Diese verbinde sie mit dem Ausklang, dem Thema der Installation. «Nach dem Ausklang ist Ruhe – die Stille. Die Stille nach dem letzten Ton der Kassetten interessiert mich. Sie aufzunehmen und in der Installation, mit den Tonbändern hör- und sichtbar zu machen, darauf bin ich gespannt.»

Wenn sich dann Besuchende in der Kapelle erinnern, Fragen stellen oder Töne und Worte erklingen lassen und sich durch den Raum und die Installation bewegen, dann beginnt Renates Kunst zu leben. 

Text: Ulrike Matter, Kommunikation ArtWalk Bremgarten 2026

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