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Panta rhei

Panta rhei

05.05.2026

«Ich möchte nicht wissen, wie es in deinem Gehirn aussieht», so eine Kursteilnehmerin an der Scuola di Scultura in Peccia zu Bruno Christen. Indes – interessant wäre es schon, dort einmal hineinzuschauen, um verstehen zu können, wie all die Schleifen und Schlaufen, die komplexen 3D-Gebilde dort entworfen werden. «Diese Formen haben mich immer fasziniert», erzählt Bruno, «diese Schlaufen, sie haben keinen Anfang und kein Ende.» Je mehr sie verschlungen seien, desto besser gefielen sie ihm. Brunos Gehirn, gemacht für mathematisch exakte, komplexe Konstrukte.

Mathematik, Rechnen, Geometrie – all das waren Brunos Lieblingsfächer in der Schule. Schreiben war es für den Legastheniker dann eher nicht, und mit dem Andermatter Dialekt («Was redet Ihr Sohn für eine Sprache?») hatte er ohnehin keine guten Karten bei der Primarlehrerin. Was dazu führte, dass er in der Realschule landete. Diese heute nicht mehr nachvollziehbaren Umstände lehrten Bruno zwei Dinge: Durchbeissen und Perfektion. Und doch: «Nachher ist es nur noch aufwärtsgegangen», so Bruno. Ausbildung zum Hochbauzeichner («Ich habe immer gerne gezeichnet»), Bauleiter, Projektleiter, ein gut erfülltes Arbeits- und auch Familienleben. Später gab es dann doch etwas mehr Zeit und dann trat die Muse in Brunos Leben und mit ihr die Malerei, das Zeichnen sowie Stein- und Holzarbeiten.

Um genau zu sein, waren es drei Dinge, die die Schulzeit Bruno gelehrt hat – zu den oben genannten Dingen gehört auch noch die Resilienz dazu. Die war schwerst vonnöten, als … ach Gott, man mag’s fast nicht erzählen … als eine der Skulpturen, erschaffen in hunderten Stunden aus einem vieltausendfränkigen Marmorblock, von der Arbeitsfläche fiel. Brunos Bewältigungsstrategie: «Am selben Tag habe ich mit einem neuen Block angefangen.»

Die Bildhauerei erfordert ein präsentes 3D-Vorstellungsvermögen. Bis eine Skulptur fertig aus einem Marmor- oder Granitblock herausgehauen ist, muss sie immer wieder gedreht und gewendet werden, und es ist nur allzu leicht, sich dabei in all den Schlaufen und Windungen zu verirren. Da habe sein Verstand auch schon mal ausgesetzt, meint Bruno.

So hat Bruno eine Skulptur aus indischem Granit gefertigt, die derart komplex ist, dass man sich als Betrachtender schon fragt, was wohin führt. Der schwarze Granit war eine rechte Herausforderung, kompakt und splitternd hat er einen Teil der Werkzeuge und Geräte auf dem dunklen Gewissen. «Ich glaube, mit dem mache ich nichts mehr», resümiert Bruno.

Logischerweise geht Bruno nicht schnurstracks auf einen der (im mittleren vierstelligen Bereich kostenden) Marmorblöcke los. Mit Draht, Gips, Ton oder Polystyrol werden Modelle vorgeformt, und manch eines kommt dann schon so perfekt daher wie die eigentliche Skulptur. Allerdings kann es durchaus sein, dass Modell und Skulptur nicht genau übereinstimmen und hie und da voneinander abweichen. «Der Anspruch ist, dass die Skulptur besser werden muss als das Modell», so Bruno.

Zudem hat Bruno da eigene Massstäbe bezüglich Perfektion. Ein Millimeter zu viel in einer Rundung und die (100 Kilo) Skulptur wird noch einmal bearbeitet. Bis sie dann wirklich definitiv und endgültig fertig ist, stecken etwa 300 bis 350 Stunden Arbeit drin. Dann ist die Oberfläche glatt und fein, die Rundungen und die Statik sind perfekt abgestimmt, die Kanten präzise und scharf, es gibt keinen Anfang und kein Ende – panta rhei, alles fliesst.

Die gefallene Skulptur hat Bruno übrigens mit Marmorleim zusammengeklebt, sie lebt jetzt in seinem Atelier und heisst: «Phönix aus der Asche».

Brunos Arbeiten werden am ArtWalk 2026 im Rathaus der Stadt Bremgarten zu besichtigen sein.

Text: Ulrike Matter, Kommunikation ArtWalk Bremgarten 2026

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